Offener Brief an die Präsidentschaftskandidaten der Universität Potsdam
unterzeichnet von GEW-Studis Brandenburg, Intelligenzija Potsdam, StuPa Uni Potsdam und AStA Uni Potsdam.
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GEW-Studis |
Potsdam, 08.09.2011
An den zukünftigen Präsidenten der Universität Potsdam
Ihrem Selbstverständnis nach ist die Universität Potsdam „eine Hochschule im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne“. Weniger bekannt dagegen ist: Diese Hochschule hebt sich auch durch engagierte Studierende, Mitarbeiter*innen und Lehrkräfte hervor, die sich hochschulpolitisch einmischen, die nicht müde werden, Missstände anzuprangern und deren Ziel es ist, unerträgliche Zustände kooperativ und solidarisch mit aller Entschlossenheit zu verändern. Den öffentlich proklamierten Erfolgen der Universität Potsdam stehen insbesondere in der Lehre zahlreiche eklatante Schieflagen gegenüber. Mit umso größerer Spannung erwarten wir deshalb Ihre Ernennung und den darauf folgenden Amtsantritt an unserer Universität. Mit unserem offenen Brief möchten wir Sie schon vorab darüber in Kenntnis setzen, wie sich die momentane Situation für uns darstellt und wie wir sie gemeinsam dringend verändern müssen.
Die ohnehin fragwürdige Exzellenz in der Lehre basiert auf ausbeuterischen Verhältnissen in der Bezahlung von Lehrkräften. Befristete und damit unsichere Arbeitsverhältnisse sind die Regel und insbesondere der offiziell ausgeblendete aber strukturell sehr reale Missbrauch des Lehrauftrags führt zur Prekarisierung. Für eine eklatant geringe Aufwandsentschädigung tragen immer mehr prekär Beschäftigte unter enorm hohem Zeit- und Leistungsdruck einen signifikanten Teil der Lehre – ohne jegliches politisches Mitspracherecht, ohne jegliche Sicherheiten eines ordentlichen Vertrages, dafür aber zwangsläufig mit schweren psychosozialen Folgen. Dieser Entwicklung muss dringend Einhalt geboten werden, denn die negativen Auswirkungen betreffen Lehrende und Studierende gleichermaßen. Die Situation der prekär Beschäftigten muss kurzfristig verbessert werden. Langfristig müssen prekäre Arbeitsverhältnisse abgeschafft und durch adäquat entlohnte Stellen ersetzt werden.
Das Studium stellt sich für immer mehr Studierende als Verlängerung der Schule dar. Fremdbestimmt werden Stundenpläne von Computerprogrammen erstellt, es gibt kaum Auswahl bei Seminaren und Vorlesungen – die Studierenden werden zum Auswendiglernen und zum Schreiben von Klausuren in Massenabfertigung verdammt. Wir müssen dringend gemeinsam gegen das in der Universität mittlerweile selbstverständliche Bulimie-Lernen ankämpfen, um wieder mehr Freiraum für einen kreativen, kritischen Geist zu schaffen. Wir brauchen mehr Seminare, konstruktive Lehr- Lernmethoden, thematische Vielfalt, differenzierte Leistungserfassungsprozesse statt immer gleiche Reproduktion von Wissen.
Außerdem muss das Studium endlich an die Lebenswelt der Studierenden angepasst werden. Das Studium sei ein Vollzeitjob, hören wir seit Jahren von der Universitätsleitung. Ein großer Teil der Studierenden und Promovierenden muss aber neben der Arbeit an der Uni noch einem weiteren Job nachgehen, um den Lebensunterhalt bestreiten zu können.
Neben vielen weiteren Punkten, die hier genannt werden sollten, muss der offene Rechtsbruch, der durch die drohende Zwangsexmatrikulation tausender Diplom- und Magisterstudierender derzeit durch die Universitätsleitung geplant, argumentativ vertreten und weiter durchgeführt wird, Erwähnung finden. Eine Stellungnahme des zukünftigen Universitätspräsidenten zu diesem Sachverhalt ist unerlässlich. Wir fragen Sie daher: Treten Sie für die Rücknahme der Aufhebung des Prüfungsanspruches für Diplom, Magister und Staatsexamen ein? Werden also diese Studierenden weiter zurückgemeldet und nicht exmatrikuliert, so dass sie ihr Studium entsprechend der bei ihrer Immatrikulation mit der Universität vereinbarten Bedingungen abschließen können, unabhängig von rechtswidrigen Fristen?
Die genannten Missstände wurzeln nahezu alle in der chronischen Unterfinanzierung des brandenburgischen Bildungssystems, die durch die aktuell beschlossenen Kürzungen weiter vorangetrieben wird. Das Problem verschärft sich durch ein zunehmend neoliberalisiertes Verteilungsmodell, das einem gerechten Bildungssystem diametral zuwiderläuft. Deshalb möchten wir mit Ihnen gemeinsam die aktuellen Entwicklungen kritisch hinterfragen und Hochschule unter den Vorzeichen der Gerechtigkeit neu denken und verwirklichen. Unabdingbar dafür sind folgende konkrete, sofort umzusetzende Maßnahmen:
1. Die sofortige Verbesserung der Situation des akademischen Prekariats, insbesondere der Lehrbeauftragten und der Privatdozent*innen gemäß den Forderungen der IntelligenzijaPotsdam.
2. Eine öffentliche Stellungnahme des zukünftigen Präsidenten gegen die Zwangsexmatrikulation tausender Diplom- und Magister-Studierender.
3. Der Zugang zum Masterstudium muss allen Studierenden offen stehen.
4. Die Arbeitsbedingungen für studentische Beschäftigte müssen sich verbessern und die neuen Regelungen zum Teilzeitstudium müssen mit möglichst hoher Flexibilität umgesetzt werden.
5. Die Finanzierung der Universität muss verbessert werden, indem höhere Budgetfreigaben seitens des Landes Brandenburg und Zuwendungen des Bundes gemeinsam erkämpft werden. Die Diskussion um die Einführung von Studiengebühren oder Studienkonten als Antwort auf die geplanten Kürzungen halten wir für unsozial, unredlich sowie unsinnig und lehnen sie deshalb ab.
6. Letztlich gilt es, die marktförmige Dynamik innerhalb der Universität Potsdam und der Bildungsinstitutionen insgesamt abzuwenden, da sie einem humanistischen Bildungsideal diametral entgegensteht.
In Hamburg protestierten Rektoren und Studierende gemeinsam gegen Haushaltskürzungen. Wir würden auch gerne mit Ihnen gemeinsam für eine besser Bildung und gerechte Arbeits- und Studienbedingungen an der Universität Potsdam kämpfen. Sind Sie dazu bereit? Nutzen Sie die Chance und beziehen Sie noch vor der Anhörung im Senat Stellung zu den von uns angeführten Themen.
Mit hohen Erwartungen und freundlichen Grüßen
• Studierenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) BRB
• Intelligenzija Potsdam
• Studierendenparlament (StuPa) der Universität Potsdam
• Allgemeiner Studierendenausschuss (AStA) der Universität Potsdam














