"Wer sagt denn, dass das Leben gerecht ist?"
Redebeitrag der GEW-Studis Brandenburg auf der Bildungsdemo "Solidarisch laut*stark" in Potsdam am 14. Dezember 2011
"Wer sagt denn, dass das Leben gerecht ist?"
Das fragte die Pressesprecherin der Universität Potsdam in den Potsdamer Neusten Nachrichten (PNN) am 28. Januar diesen Jahres, nachdem die Lehrbeauftragten der Uni Sturm liefen gegen die vorherrschenden prekären Beschäftigungsverhältnisse. Die damalige Präsidentin der Universität und heutige Wissenschaftsministerin Frau Dr. Sabine Kunst sollte sich noch daran erinnern können.
Falls Sie es dennoch vergessen haben sollten, Frau Kunst, möchten wir Sie hier und heute freundlichst daran erinnern.
Bereits jetzt wird ein wichtiger Teil der regulären Lehre durch Lehraufträge abgedeckt. Schon lange dienen sie nicht mehr zur bloßen Ergänzung des Lehrangebots, sondern sind ein integraler Bestandteil dessen. Anders als in anderen Ländern sind es in Brandenburg aber nicht wenige, gut situierte Wirtschaftsexpertinnen, die die Lehraufträge bekommen, sondern vor allem Doktorandinnen, deren finanzielle Absicherung in den meisten Fällen auf wackligen Füßen steht. Die geplanten Kürzungen im Bildungshaushalt werden die prekäre Situation der Lehrenden weiter verschärfen und die jetzt schon fragwürdige Qualität der Lehre weiter in den Keller ziehen. Derzeit bekommt eine Lehrbeauftragte an der Uni Potsdam ungefähr 500 EUR im Semester für einen Lehrauftrag. Viele sind deswegen auf finanzielle Unterstützung aus der Familie angewiesen oder müssen zusätzlich Wohngeld oder Hartz IV beantragen, um ein Existenzminimum abzudecken. Die Landesregierung macht hier also eine gesamtgesellschaftliche Milchmädchenrechnung auf und spart auf Kosten der sozialen Sicherungssysteme an den falschen Stellen.
Die unsichere Beschäftigung von Lehrbeauftragten, deren Lehraufträge in der Regel auf ein Semester begrenzt sind und nur nach Belieben verlängert werden, spitzt die prekäre Lage der Betroffenen vielfach zu. Durch diese Bedingungen wird nicht nur Eltern, sondern insbesondere Frauen eine akademische Laufbahn zusätzlich erschwert. Dass die Seminare aufgrund mangelnden Personals hoffnungslos überfüllt sind und eine Betreuungsrelationen von 1 zu 100 keine Seltenheit ist, sollte auch Ihnen, Frau Kunst, gut bekannt sein. Während die Zahl der Studierenden sich seit einigen Jahren immer weiter in die Höhe schraubt, stagniert die Zahl der an der Uni Potsdam beschäftigten Professorinnen und Mitarbeiterinnen - einige Fakultäten müssen sogar mit Personalabbau umgehen.
Liebe Frau Kunst, gute Lehre fällt nicht vom Himmel! Und die desaströse Betreuungsrelation ist nur ein Problem, mit dem wir zu kämpfen haben.
Denn Didaktik im Sinne einer gelungenen Wissensvermittlung endet nicht mit der Schule. Das große Forschungs- und Handlungsfeld "Erwachsenenbildung" macht dies deutlich. Das akademische System in Deutschland basiert auf der Annahme, dass Menschen, die sich fachlich auskennen, dieses Fachwissen automatisch auch vermitteln können. Wer selbst bereits in quälend langweiligen Vorlesungen saß, die den Sekundenzeiger in einen Stundenmesser verwandelt haben, weiß, dass dem nicht so ist! Lehrende benötigen didaktische Schulungen, Unterstützung durch Supervision und Raum und Zeit für kollegiale Beratungen - und das kostet Geld! Geld, das investiert werden muss!
Im Gegensatz dazu wird jedoch bereits jetzt damit gerechnet, Lehre demnächst nicht mehr nur über Lehraufträge abzudecken, sondern auch Studentische Beschäftigte dafür einzusetzen. Hier sollen also Studierende die Defizite ausgleichen, die die Landesregierung den Hochschulen aufbürdet. Schon jetzt decken Studentische Beschäftigte einen Teil der Aufgaben ab, die früher durch reguläre Mitarbeiterinnen übernommen wurden. Die Zahl der studentischen Beschäftigten ist seit 2006 um 50 Prozent gestiegen. Im Gegensatz zu den Mitarbeiterinnen, bekommen Studierende jedoch keinen Tariflohn und werden mit 8,98 EUR pro Stunde abgespeist. Hinzu kommen zum Teil unhaltbare Arbeitsbedingungen. Unbezahlte Mehrarbeit und eine Verwehrung des Urlaubsanspruchs sind da nur der Anfang. Das jüngste Beispiel der Bibliotheksöffnungszeiten in Griebnitzsee, die ohne Bezahlung eines Wochenendzuschlages auf Sonntag ausgeweitet werden sollen, zeigt, dass die Arbeitsrechte an der Uni Potsdam mit Füßen getreten werden. Zudem befinden sich Studentische Beschäftigte nicht selten in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihren Professorinnen, die diese Abhängigkeit auch auszunutzen wissen.
- Deshalb fordern wir als gewerkschaftliche Studierende von der Landesregierung eine gerechte Bezahlung von Studentischen Beschäftigten nach dem Vorbild des Berliner Tarifvertrages, das heißt 11 Euro pro Stunde!
- Wir fordern eine gerechte Bezahlung von Lehrbeauftragten und die Sicherung sozial-verträglicher Arbeitsbedingungen
- Wir fordern vor allem aber den Ausbau der regulären Stellen - die zunehmende Vergabe von Lehraufträgen zeigt lediglich den Weg in eine Zukunft der Ausbeutung und Inhumanität
- Wir fordern die öffentliche Ausfinanzierung der Lehre – und damit den Stopp dieses Kürzungshaushaltes!
"Wer sagt denn, dass das Leben gerecht ist?" - Das Leben ist nicht gerecht. Schon gar nicht in einem System, das Konkurrenz und die Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft forciert. Genau deswegen haben wir von einer rot-roten Landesregierung eine Politik erwartet, die Ungerechtigkeiten ausgleicht, solidarisch ist und ihren Versprechungen tatsächlich Handlungen folgen lässt.
Wir haben keine Lust mehr, uns länger hinhalten zu lassen und am langen Arm der hohlen Phrasen der Politik zu verhungern. Wir wollen Veränderung! Wir sind solidarisch! Wir sind stark und vor allem laut!
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