Fazit und Ausblick eines bunten, lauten und fordernden Bildungsstreiks
In der Woche vom 15. - 19.06.09 fand in Brandenburg sowie deutschlandweit der Bildungsstreik 2009 statt, bei welchem Studierende, SchülerInnen und Auszubildende der Öffentlichkeit sowie EntscheidungsträgerInnen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft die Probleme des momentanen Bildungssystems aufzuzeigen versuchten und Änderungsvorschläge bzw. Forderungen für die Umsetzung neuer Konzepte formulierten
Unterstützt von über hundert Gruppierungen, Gewerkschaften und Verbänden fanden am Mittwoch, dem 17.6., in mehr als 200 Städten bunte, laute, friedliche aber gleichzeitig Veränderungen fordernde Demonstrationen mit weit über 270.000 Teilnehmenden statt und stellten damit einen der öffentlichkeitswirksamsten Höhepunkte dieser Woche dar.
Jedoch waren diese Demonstrationen aus Sicht der Aktiven nicht die entscheidendsten Aktionen im Rahmen der Streikwoche. Es ging und geht den Streikenden drum, die derzeitigen Zustände und vermittelten Inhalte in (Hoch)Schulen und Ausbildungsbetrieben kritisch zu hinterfragen, die Entwicklungen und Umstrukturierungen im Bildungssystem zu reflektieren und aus ihrer Sicht zu bewerten. Die Protestierenden bei den Demos und die Aktiven der vielen anderen Formen der Kritikäußerung lernen bzw. lehren vorwiegend selbst im derzeitigen Bildungssystem und wollen bestimmte Entwicklungen und Tendenzen nicht länger hinnehmen. Die teils tiefgreifenden Probleme des deutschen Bildungssystems werden von den InitiatorInnen und UnterstützerInnen sehr genau erkannt und wahrgenommen. Durch diese Wahrnehmung entstand vor einigen Monaten eine Bewegung, deren Aktive sich zunehmend vernetzten, austauschten und in lokalen und regionalen Bündnissen zusammenschlossen, um an spezifischen Verbesserungsmöglichkeiten zu arbeiten. Gleichzeitig wurde sich auch allgemein mit den Notwendigkeiten zu Veränderungen im Bildungs- und Wissenschaftsbereich auseinandergesetzt und dementsprechend wurde mit der Erarbeitung von Lösungsansätzen begonnen.
Es ist klar, dass SchülerInnen, Studierende, Auszubildende und Lehrkräfte gleichermaßen an Problemen und Fehlern, die das deutsche Bildungssystem hat, leiden. Nicht nur neue LehrerInnen braucht das Land! Der akute LehrerInnenmangel führt zwar zu überfüllten Klassen und Ausfallstunden während trotzdem Schulen geschlossen werden (allein zw. 1994 und 2001 traf dieses Los 14 Schulen allein in Potsdam). Vielmehr müssen neben der Neueinstellung von LehrerInnen aus Sicht der bildungsstreikaktiven SchülerInnen aber auch ganz andere Entwicklungen betrachtet und bewertet werden. So besuchen z. B. mittlerweile über 30% der Potsdamer SchülerInnen Privatschulen - Tendenz steigend. Außerdem ist die Mitbestimmung aus Sicht der SchülerInnen dringend zu verbessern. Egal ob bei Wochenstundenplangestaltung, Mitspracherecht bei Umbaumaßnahmen und Schul(hof)gestaltung oder bei der Organisation neuer Lehr-Lernmethoden fordern sie in ihren Schulen zu Recht mehr Mitbestimmung und Gestaltungsfreiheit ein. Wenn sie stärker einbezogen werden, könnten viele neue, kreative und gewinnbringende Ansätze für alle Beteiligten entstehen. Eine freie Bildung für alle wird blockiert durch die Zunahme von Privatschulen, die Einführung von Leistungs- und Begabungsklassen sowie der wachsenden Kluft zwischen Gymnasien und Oberschulen. Und all dies sind Ergebnisse von Entscheidungen, auf welche die davon Betroffenen kaum Einfluss haben.
Mangelnde Mit- und Selbstbestimmungsmöglichkeiten treffen auch Studierende. Gremien, wie z. B. Fakultätsräte, verkommen durch ihre ungleiche Besetzung quasi zu "Alibiveranstaltungen". So werden gegen die Wünsche der größten Statusgruppe hinweg Studiengänge geschlossen (z. B. Kunst Lehramt an der Universität Potsdam als einzige Hochschule, die diesen Studiengang in Brandenburg anbietet) oder andere eingeführt (military studies). Angebote des freien Lernens werden hingegen reduziert. Auch die Kapazitätenknappheit ist ein Problem. So gibt es bei über 20.000 Studierenden an der Universität Potsdam laut einem vom Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) in Auftrag gegebenen Gutachten nur Platz für 8.500 und Personal für die Betreuung von 12.000 Studierenden. Das führt zu überfüllten Veranstaltungen und dazu, dass notwendige Kurse nicht belegen werden können, sich dementsprechend die Studienzeit verlängert, BAföG-Anspruch entfallen kann und weitere negative Folgen - wie die im neuen Brandenburgischen Hochschulgesetz (BbgHG) gesetzlich verankerte Zwangsexmatrikulation nach Überschreitung einer bestimmten Semesteranzahl über Regelstudienzeit - eintreten können. Zudem ist die Ausgestaltung der Studiengänge zu bemängeln, z.B. die unzureichende Praxis in der LehrerInnenbildung und allgemein die in vielen neuen Bachelorstudiengängen realitätsferne Modulstrukturierung im Studienverlauf.
Die rigide Ausgestaltung des Bachelor-Master-Systems sowie das neue Brandenburgische Hochschulgesetz erzeugen eine übergroße Arbeitsbelastung und damit Leistungsdruck. Der permanente Prüfungsdruck kann zur immensen psychischen Belastung führen. Hinzu kommt eine Überlastung von Lehrenden und Mitarbeiter_innen der Universitäten und Fachhochschulen, welche oftmals ohnehin in prekären Arbeitsverhältnissen befristet per Lehrauftrag beschäftigt werden. Die Bildungsstreikaktiven wollen die Lernfabriken abschaffen! Wir sehen uns konfrontiert mit dem Abbau des Bildungssystems auf allen Ebenen zugunsten von Einsparungen und kurzfristigen Profiten. Dabei werden Bildungshürden aufgebaut, die meist jene Menschen zu Fall bringen, deren Startchancen bereits schlechter sind. So dienen die Bildungseinrichtungen zur Reproduktion der bestehenden, ungerechten Verhältnisse. Mangelnde Mitbestimmungsmöglichkeiten hindern uns daran, diese Missstände dort zu bekämpfen, wo sie entstehen. Wir sind gefangen in einem Bildungssystem, das sich nur nach den Gesichtspunkten des Marktes ausrichtet. Effizienz und Konkurrenz steht dabei im Vordergrund. Auf selbstständig denkende, sozial kompetente Menschen scheint es dabei nicht anzukommen.
Um diesen Forderungen und Erwartungen an ein besseres und gerechteres deutsches Bildungssystem unsererseits Nachdruck zu verleihen, haben wir laut, kreativ und bunt darauf hingewiesen, dass wir Veränderungen brauchen. Wir haben uns aktiv eingebracht in Entscheidungsfindungsprozesse, entwickeln selbstständig Lösungsansätze und zeigen detailliert Probleme auf, führten und führen Gespräche mit EntscheidungsträgerInnen, sofern sie konstruktiv, von ehrlichem Interesse für unsere Anliegen und Veränderungen ermöglichend sind. Wir wollen die angestoßene öffentliche Debatte und von verschiedensten gesellschaftlichen Gruppen getragene Diskussion um eine bessere, gerechtere und Individualität berücksichtigende Bildungslandschaft weiterführen und vertiefen. Wir erwarten, dass wir mitreden und mit entscheiden dürfen, wie und wo unser Bildungssystem zu verändern ist.
Die Diskussion ist da, konkrete Veränderungen lassen hoffentlich nicht mehr lange auf sich warten und wir sind weiter aktiv und werden wieder auf der Straße, in den Oberbürgermeisterbüros und vor den Ministerien sein, in Schulen, Ausbildungsbetrieben und im öffentlichen Raum - wir kämpfen laut, bunt und kreativ für Reformen im deutschen Bildungssystem.
Strike goes on!
Kontakt Autor: Martin Seiffert (LASS-SprecherInnenrat und aktiv im Bildungsstreik-Komitee Potsdam) martin [at] studienberatung-potsdam.de
Kontakt Bildungsstreik: www.bildungsstreik2009.de sowie http//www.bildungsstreikpotsdam.blogsport.de














