Bildungsstreik geht weiter!
Nachgehakt bei Claudia Fortunato, Mitglied des Streikkomitees der Uni Potsdam
Wie ein Flächenbrand fegten die Proteste über die gesamte Bundesrepublik. Der Bildungsstreik 2009 verfehlte seine Wirkung nicht, rief kritische Geister lange vor dem großen Ereignis auf den Plan. Darunter Claudia Fortunato, Lehramtsstudentin an der Universität Potsdam. Als Mitglied im dortigen Streikkomitee und GEW-Mitglied hat die 20-Jährige Streikgeschichte mit geschrieben.
Turbulente Zeiten liegen hinter dir. Medien haben umfassend vom Bildungsstreik berichtet. Wie schätzt du die bundesweite Aktion ein, speziell im Bereich Potsdam?
Wir waren alle ziemlich überwältigt von der großen Resonanz. Der Streik hat uns Mut gemacht, uns motiviert, nicht aufzugeben. Es gibt einige greifbare Ergebnisse, aber zu wenige. Wir sind erst am Anfang einer Bewegung, konnten viele Erfahrungen sammeln. Neue Netzwerke sind entstanden. Und wir wissen nun, dass wir gemeinsam etwas schaffen, etwas verändern können. Gern denke ich an die vielen Diskussionen in der Streikwoche, an unser Camp, die zahlreichen alternativen Veranstaltungen an unseren Uni-Standorten. Deutlich wurde, dass immer mehr Studierende, aber auch Dozierende, aufbegehren, nach Lösungen suchen und bereit sind, sich zu wehren. Nicht zu vergessen die aktive Teilnahme zahlreicher Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte.
Was wollt Ihr anders, besser machen?
Wir müssen viel konkreter werden, Missstände genau benennen und Zusammenhänge verständlicher aufzeigen, weniger mit Schlagworten arbeiten. Wir haben nicht genügend kommuniziert und informiert. Außerdem ist es wichtig, konkrete Handlungsmöglichkeiten und Alternativen mehr in den Vordergrund zu rücken.
Die Brandenburger Wissenschaftsministerin Johanna Wanka findet es gut, dass sich Studierende für hochschulpolitische Belange engagieren, in Gremien mitmachen, wie es in einem Fernsehinterview hieß. Gründe zum Streiken sieht die Politikerin wie auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan allerdings nicht.
Wir haben viele konkrete Forderungen aufgestellt, klar und deutlich formuliert, was wir wollen. Doch die Politiker schieben die Verantwortung für Missstände lieber ab. Frau Wanka sagt: Das könnt Ihr alles an der Hochschule entscheiden. Die Hochschule stellt sich ihrerseits quer und erklärt: Wir sind gebunden ans Land. Eine zweite Strategie ist, uns als Dogmatiker und "zum Teil gestrig" (Annette Schavan) hinzustellen. Es scheint immer wieder das Gleiche, nur mit katastrophaleren Ausgangsbedingungen. Schon bei den Hochschulprotesten 1968 oder auch in den 90er Jahren ging es um mehr Demokratie, um mehr Mitbestimmung, bessere Lernbedingungen und Gebührenfreiheit.
Bildungsstreik war gestern. Worum geht es Euch gegenwärtig?
Wenn man so will, ist Bildungsstreik jeden Tag. Es geht uns um ein lokales Bündnis, einen breiten gesellschaftlichen Ansatz. So wollen wir die Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften, Kitas und Schulen forcieren. Denn der Bildungsstreik geht weiter! Durch gezielte Arbeit können wir etwas bewegen. So wie bei unserer Senatssitzung an der Uni Potsdam am 9. Juli 2009. Mit 80 Leuten waren wir dabei, habenvier Anträge vorgelegt. So kam der Senat beispielsweise nicht umhin, seine hoch gelobten Anwesenheitslisten aufzugeben. Der Masterzugang soll jetzt leichter möglich sein. Mal sehen, ob das nicht nur auf dem Papier stehen bleibt.
Die einen waren Feuer und Flamme für den Bildungsstreik, andere eher skeptisch. Gibt es eine Spaltung unter den Kommilitonen?
Eine totale Spaltung konnten wir umgehen, indem wir mit vielen gesprochen haben und jedem freigestellt war Seminare zu besuchen. Es gab sehr viele, die nicht mit dabei waren. Ihr Argument: Wir schaffen es nicht, dürfen kein Seminar verpassen. Ganz klar, Existenzangst ist da, allgegenwärtig. Daher ist es unglaublich wichtig, dass niemand für demokratische Teilhabe bestraft wird.
Soziologen und Jugendforscher sind geteilter Meinung. Die einen sagen, eine neue Studentenbewegung sei im Anmarsch, eine "Repolitisierung", andere sprechen von "Strohfeuer". Wer hat Recht?
Ich hoffe, dass unsere Aktionen nicht nur ein Strohfeuer waren und sind. Vor der gesamten Bewegung, sei es in Potsdam, im Land Brandenburg oder bundesweit, steht die Frage: Wie können wir den begonnenen Prozess verstetigen? Es ist schwierig, die Sache am Laufen zu halten. Aber wir haben neue Medien, eine immer stärkere Vernetzung, können gemeinsam unsere Interessen artikulieren, Erfahrungen festhalten. Nicht zuletzt wird der starke partizipative und inklusive Ansatz, den wir verfolgen, helfen, die Bewegung zu erhalten.
Was erwartest du von der Politik?
Dass Bildung nach wie vor ein wichtiges Thema bleibt, nicht nur in Wahlkampfzeiten. Wenn Abgeordnete in den Parlamenten in Ruhe gelassen werden, wird sich nicht viel verändern. Wenn der Druck von der Straße, von unten weiter geht, sind die Politiker gezwungen zu handeln.
Text: Renate Stiebitz














